Chimborazo 6.300 m - Zum höchsten Punkt der Erde - das Tagebuch.

Tagebuch Chimborazo

Tag 1: Langer Flug über Amsterdam nach Quito. Ankunft & Transfer zum Hotel. Dann machen wir einen Taxiausflug zu Abendessen im Einheimischenstyle. Dabei sind TU-Kanzler Albert, Christoph & Team Thilo, Markus und Pete. Das Treppensteigen ist deutlich zu spüren, da Quito auf 2850 Meter Höhe liegt. Die Gruppe hat 13 Teilnehmer: unser Team mit mir, Thilo, Fotograf Pete und Filmemacher Markus, dann dem Holländer Ronald, Albert, Jurist Christoph, BW-Offizier Blacky, Matthias, der schon am Aconcagua war, Steffen, junger Ingenieur und geübter Kletterer, 6000er-Bezwingerin Ingrid, Prof. Ekkehart und Psychologin Kerstin - eine interessante Mischung.

Tag 2: Bergführer Emilio stößt zu uns, 41, er spricht sehr gutes Deutsch und ist ein schlauer, netter Typ. Sightseeing ist angesagt: Besuch der Äquatorlinie mit diversen Attraktionen, später ein Essen im Kolonialstil-Restaurant in der schönen Innenstadt, 2 Kirchen werden besucht, auch eine Notre Dame Kopie, Ausserdem der "Panecillo" mit der großen Marienstatue - das Wetter ist morgens gut, man kann sogar den Cotopaxi sehen, am Nachmittag kommt Regen auf. Das Abendessen im Steakhouse mit einem 450 Gr. Steak mit dem Team, Albert, Christoph und den 2 Matthias ist lecker. Und wir spüren bereits eine leichte Höhenanpassung, die Treppen gehen sich leichter.

Tag 3: Wir besuchen nochmal den Panecillo, jetzt bei gutem Wetter und tollem Blick über die Stadt. Dann die Fahrt auf der Panamericana zum Cotopaxi Nationalpark mit Essen in der Lodge auf fast 4000m, später Weiterfahrt nach Riobamba, Abendessen und Übernachtung im schönen Hotel. Die Höhe von knapp 3000 ist kein Thema mehr, die erste Anpassung ist erfolgt.

Tag 4: Marco Cruz, die Legende, der bekannteste und einst beste Bergsteiger Südamerikas, stößt im Hotel dazu. Don Marco, so nennen ihn alle respektvoll ist 72 Jahre alt, mit 13 hat er das erste Mal den Chimbo bestiegen, seit dem etwa 1000 Mal, zuletzt an seinem 72ten Geburtstag letztes Jahr. Don Marco weiss alles (nicht nur) über den Chimborazo und ist der beste Guide, den man sich vorstellen kann. Ein Gletscher des Chimbo ist nach ihm benannt.
Die Tour beginnt. Wir starten auf 3500m Höhe an der Ostseite des Chimborazo oberhalb von Riobamba. 17,5 Km Trekking in der Höhe entlang des Chimbo ist angesagt, das ist viel. Zunächst im Auf- und Ab auf einem Forstweg mit einigen Anstiegen, später durchs hohe Gras, was schlecht zu gehen ist. Ab und zu sehen wir den Chimbo. Wind, Sonne, alles dabei. Es ist schon recht anstrengend, gegen Ende kommen Kopfschmerzen dazu. 7 Stunden sind es am Ende, als wir am Basecamp, den Hütten von Marco Cruz auf 4000m Höhe ankommen. Nach der Tour ist es mir schlecht und das Kopfweh wird stärker. Ich nehme eine Ibu und lege mich eine Stunde ins Bett, das sind die ersten, leichten Symptome der Höhenkrankheit plus Sonnenstich, das wird schnell klar. Beim Abendessen gehts dann schon wieder besser, das Einschlafen ist ok, um halb 3 Uhr Nachts nehme ich eine Planum. Super, dass ich mich zum Pinkeln nur ins WC hangeln muss und nicht in voller Montur raus vor die Tür, wie 2010 am Kilimanjaro.

Tag 5: Nach den Tourdaten war es klar, dass es heute eine harte Nummer wird: Aufstieg vom den Cruz-Hütten auf knapp 4000m zum Höhlen am Fuß des gipfelnahen Felsaufbaus auf 4750m und dann eine Auf- und Ab-Traverse über mehrere Täler zur Carrel-Hütte auf 4850m Höhe. Zusammengefasst gute 1000 Höhenmeter und knapp 10 Kilometer in großer Höhe. Don Marco hat ein gutes Tempo vorgegeben, ist sehr konstant gegangen, das hat mir gelegen - ich war immer ein Stück unter meiner anaeroben Schwelle, so dass ich mich nicht platt gelaufen habe. Es war natürlich sehr anstrengend und ein paar knifflige Stellen waren auch dabei, aber das habe ich nicht anders erwartet. Teilweise hat die Sonne runtergebrannt, später kamen Regen, Graupel, Wind und Schnee, so dass wir die Goretex-Jacken anziehen mussten. Am Ende haben wir nach 7 Stunden einen schönen Kaffee in der Carrel-Hütte getrunken und die Tafeln der am Chimbo umgekommenen angeschaut. Es waren laut Marco mehr als 100, die vor allem durch Steinschlag, Lawinen, Abstürze und Herzversagen ums Leben gekommen sind. Ron hat sich vermutlich einen Hungerast gelaufen und hat sehr lange für die Tour Gebrauch. Aber wir sollten ihn nicht abschreiben.

Tag 6: The next step: Die Akklimatisierungs-Tour auf der Whymper-Route zu den "Chamonix Nails" in großer Höhe. Von der Carrel-Hütte auf 4.850m ging es an den Gedenktafeln vorbei zur Whymper-Hütte, 5020m. Von dort die rechts gelegene Flanke hoch zum Südwestgrat. Ab der Whymper Hütte lag Schnee, wir sind ohne Steigeisen rauf. Ein Drittel des Aufstiegs bin ich direkt hinter Don Marco gestiegen und habe so ein wenig beim Spuren geholfen. Dann wurde es zu steil, bis 40 Grad, und Pete ist vor und hat die Tritte geschlagen, später hilft auch Thilo, eine sehr anstrengende Angelegenheit. Die Nails waren durch die Flanke relativ schnell erreicht. dann sind wir den Grat entlang der alten Whymper-Route rauf bis zu einem kleinen Steinmandl. Ich fühlte mich gut und habe in der Euphorie Don Marco gefragt, ob wir noch zu einer Formation schwarzer Felsen mit besserer Aussicht weiter oben steigen können. Er gab das ok, und so ging es noch bis rauf auf 5.435 Meter Höhe - mega anstrengend, nur Thilo, Pete. Markus und ich sind das Cruz-Tempo gegangen. Bei der Rast am sogenannten "Gringo Plaza" began es zu schneien und zu graupeln, so dass wir wieder die Jacken wechseln mussten. Der Abstieg ging recht gut, hinter den Nails habe ich noch die Steigeisen getestet, hat auch gepasst, ich bin ohne auszurutschen runtergekommen. Nach ca. 6 Stunden zurück in der Whymper-Hütte kam eine Gruppe einheimischer Studenten, mit denen wir noch ein bisserl gefeiert haben. Dann sind wir zur Carrel-Hütte abgestiegen. Jeder Tag mit neuen Erfahrungen und die Gedankengänge über 5000m Höhe sind manchmal anders als unten... Albert war heute ziemlich fertig, konnte die Tour nicht mitmachen. Mal sehen, wie es sich bei ihm entwickelt.

Tag 7:
Nach 3 Tagen Belastung war ein Ruhetag im tiefer gelegenen Riobamba fällig. Wir haben diverse Märkte besucht, ein schönes Mittagessen genossen und auch den Stand von "El Hielo", der immer noch das Eis des heiligen Chimborazo nach unten bringt, besucht. Seine Frau hat uns versorgt und ich durfte selbst Eis für unseren Drink von einem großen Block schaben.

Tag 8:
Geplant war der Carihuairazo, 5020 m - Abfahrt um 5 Uhr, Frühstück um 4. Jedoch war das Wetter am Cari sehr schlecht, so dass Marco Cruz umdisponiert hat. Wir sind also bei erstaunlicherweise in einem kleinen Keil am Chimbo bei super Wetter von der Carrel-Hütte über den Westgrat rauf zum Hochlager am "El Castillo" in 5.300 Meter Höhe, was akklimatisierungsmässig ohnehin besser war. Zunächst ging es im typischen Cruz-Tritt nach oben. An einer kleinen Kraxelstelle musste ich schon Vollgas geben und dann kam ein zwar im Grunde einfacher, aber ausgesetzter und zugeschneiter Grat sowie starke Windböen - ein Vorgeschmack auf das, was uns am Gipfeltag erwarten könnte. Emilio erkannte, dass ich relativ unsicher war und hat mich angeseilt, zumal wir keine Steigeisen dabei hatten. Trotz relativ sinnlosen Frühaufstehens war es ein toller Tag am Berg mit fantastischer Aussicht auf die Aufstiegsroute - Der Chimborazo zieht mich magisch an, aber der Blick auf den langen und steilen Gletscheraufstieg hat auch etwas beängstigendes, der Gipfel erscheint fern und unerreichbar.

Tag 9:
Regenerations- und Vorbereitungstag im Basislager bei den Cruz-Hütten. Markus hat ein paar Interviews gedreht und Don Marco hat uns seine urige und mit jeder Menge Berg-Fotos und Devotionalien ausgestattete Privathütte gezeigt. Emilio hat das Briefing für den Gipfeltag gemacht, dabei wurde noch klarer, dass kein Höhen-Spaziergang, sondern ein sehr sehr schwerer Aufstieg mit vielen Gefahren auf uns wartet. Als kleinen Trainingsreiz und um ein paar schöne Fotos zu machen sind wir Abends noch mit Don Marco auf den Cerro Chalata, 4.200m oberhalb der Cruz-Hütten gestiegen. Dann das Packen für das Hochlager und den Gipfeltag bzw. die Gipfelnacht: Schlafsack, Isomatte, Goretex-Jacke und Hose, Helm, Klettergurt, Steigeisen, Verpflegung und einiges mehr, so dass mein Rucksack an die 20 Kilo wog. Seit Tagen bewegen wir uns im Angesicht des Chimbo, sind gut akklimatisiert, jetzt wird es Zeit, die mentale Anspannung ist groß!

Tag 10:
Wir lassen uns Zeit, Abfahrt um 10 Uhr: Um 11:30 Uhr starten wir dann den Aufstieg von der Carrel-Hütte über den Westgrat zum Hochlager mit vollem Gepäck - ziemlich schwierig, da mich der schwere Rucksack hin- und herwuchtet und die Balance zu halten schwieriger ist. Heute ist es wettermäßg ruhiger bei zunehmenden Mond. Gute Vorzeichen. Wir gehen betont langsam und die vormals knifflig erscheinenden Stelle über den Schneegrat bewältige ich dieses Mal trotz des schweren Rucksacks ohne Probleme. Im Hochlager stehen die Zelte bereit: bei unserem Zelt besteht der Untergrund leider aus unebenem Schnee, ist also kalt und unbequem, aber nach Einebnung des Schnees passt es einigermaßen. Wir richten uns ein und um 17 Uhr machen wir das Essen - eine Instant-Nudelsuppe mit Würschtel - mit einem Kocher plus Topf warm, den Thilo raufgeschleppt hat. Dann noch mal austreten, das kleine Gepäck für die Gipfel-Anstieg zusammenstellen, und ab in den Schlafsack - mit Thermopads an den Socken geht es kältemässig, draussen hat es einige Minusgrade, im Zelt um die 0 Grad. Um wenigstens die paar Stunden bis zum Wecken um 11 Uhr Abends (!) schlafen zu können, nehme ich eine Planum.

Tag 11:
Der Gipfeltag beginnt um 0 Uhr, es ist eiskalt auf 5.300 Meter Höhe, schätzungsweise -15 Grad. Wir sind schon seit einer Stunde wach und stehen parat an den Zelten. 3-4 Schichten für den Start: Kurze plus lange Unterhose, Windstopper-Berghose, Goretex-Hose unten, Unterhemd, Funktions-Pulli, Windstopper-Jacke und Goretex-Jacke oben, Eine Polartec-Jacke zur Sicherheit im Rucksack. 200 Gramm Strümpfe als Layer, darüber 600 Gramm Strümpfe, beide aus Merino-Wolle, plus Zehenwärmer-Pads. Kunststoff-Schienen, Top-Bergschuhe, drüber Gamaschen. Die Schuhe habe ich über Nacht mit Thermo-Sohlen geheizt, mehr kann ich zur Vorbeugung von Erfrierungen nich tun, leider spüre ich nicht viel unterhalb der Knie. An den Händen trage ich Merino-Layerhandschuhe und die dicken Terrex-Cocona-Handschuhe drüber, das dürfte auch passen. Einen Liter Tee habe ich schon getrunken, zwei Thermo-Flaschen, zwei PowerGels, zwei Powerbars und eine Tafel Schokolade sind als Verflegung im Rucksack. Die Klettergurte und die Steigeisen werden angelegt. Emilio, Thilo und ich bilden eine Seilschaft. Mit Kletterhelmen und Stirnlampen am Kopf sowie in der einen Hand einen Wanderstock und in der anderen eine Eispickel-Stock-Combo geht es los. Zunächst geht es über eine schwierige Traverse an der Felsbastion des "El Castillo" mäßig steil entlang, rechts gähnende, schwarze Leere, links die Wand. Gefrorenenes Geröll, Schnee und Sand wechseln sich ab, ich tue mich sehr schwer mit den Steigeisen, wir verlieren Zeit auf die anderen Seilschaften. Nach ca. 1,5 Stunden erreichen wir auf 5.600 Meter Höhe einen kleinen Sattel zwischen El Castillo und dem Aufstieg zum Chimbo, es geht einen schmalen Grat entlang - natürlich immer in absoluter Dunkelheit mit einem unglaublichen Sternenhimmel, Wetterleuchten und dem Tiefblick auf die Lichter des 20 Kilometer entfernten Riobamba. Dann kommt die berüchtigte Schlüsselstelle: 5-6 Meter Kletterei im Schwierigkeitsgrad 2-3. Mit Steigeisen und dicken Handschuhen ein echtes Problem, auch für diejenigen, die die Füße bewegen können, aber ganz besonders für mich. Trotzdem habe ich keine Angst, denn Emilio sichert mich, bei jedem kniffligen Tritt zieht er am Seil und hilft mir so über die Stelle. Kerstin und Ron sind hier umgedreht und abgestiegen - Ron ist sogar gleich bis runter zur Carrel-Hütte abgestiegen, denn er litt an den Symptomen der Höhenkrankheit. Auch für Thilo war die Stelle beängstigend, aber er ist durchgeklettert. Dann beginnt der nicht enden wollende Anstieg über den 45 Grad steilen Gletscher. Erst, leider nur kurz, im erträglichen Zick-Zack, dann einfach direkt den breiten Westgrat hoch - über 700 Höhenmeter - jeder Meter nach vorne bedeutet bei dieser Steilheit zugleich einen Meter nach oben - ein Irrsinn! Das Steigen ist extrem anstrengend. Einmal wackelt Thilo, aber dann ist er fest entschlossen, weiter zu steigen, auch weil er nicht in der beängstigenden Dunkelheit und Steilheit absteigen will. Ich selbst bin an der Grenze meiner Leistungsfähigkeit und würde am liebsten auch umdrehen, aber mein Ehrgeiz und mein Wille lassen das nicht zu - ich sage zu Emilio, dass ich weiter will. Auch Albert und Matthias mussten Absteigen - Erschöpfung und Höhenkrankheit. Oft benutze ich den Pickel und klettere mit Vier-Punkt-Technk nach oben, was die Reserven noch schneller vernichtet - Emilio sagt, dass ich es in dieser energieverschwendenden Technik nicht schaffen werde, also versuche ich, etwas aufrechter zu bleiben und die Arme weniger einzusetzen. Ein "False Summit" folgt auf den nächsten, angeblich sind es vier solcher Scheingipfel, aber für mich erscheint der Anstieg unendlich, zumal wir immer Stirnlampen weiter oben sehen können. Irgendwann überschreiten wir die 6.000 Meter Marke und die Sonne geht auf und dann wird allen klar, dass es kein zurück mehr geben wird. Wir steigen und steigen und steigen, bis wir um 7:30 den Gipfel in 6.300 Meter Höhe erreichen - näher kann man der Sonne und den Sternen auf unserem Planeten nicht sein! Mich hat es vorher schon ein paar Mal emotional gerissen, aber jetzt bricht es aus mir heraus. Die verbliebenen Teilnehmer und die Guides klatschen und Jubeln, ich kann mich emotional nicht mehr fassen, umarme alle und schluchzte. Sogar Don Marco Cruz hat sich die Ehre gegeben und hat mit seinen 72 Jahren den Gipfel erklommen, unfassbar! Wir umarmen uns und weinen, genauso wie Emilio, der mir beim Aufstieg so geholfen hatte. Auch für sie war es etwas ganz besonderes, den ersten Mann mit Querschnittslähmung auf den Gipfel gebracht zu haben. Pete macht Fotos, Markus dreht - und ich bekomme keinen geraden Satz heraus. Ich muss noch dringend pinkeln - ein Akt, als Gelähmter mit 3 Hosen und Klettergurt... Nach 10 Minuten verlassen wir den Gipfel - alle anderen sind schon los. Nach vielleicht 100 Metern Abstieg realisiert Emilio, dass ich zu langsam bin und mich schwer tue. Wir wenden eine "interessante" Technik an: Ich hocke mich hin und rutsche in der Seilschaft am Hosenboden runter, Thilo vorne, Emilio sichert von hinten, so kommen wir einigermaßen schnell voran. Löcher, Eisabbrüche, Spalten, Abgründe werden erst jetzt im Tageslicht sichtbar. Thilo strauchelt immer wieder, die Erschöpfung ist groß, einmal versinkt er bis zur Hüfte in einem Loch. Irgendwie ist ein Guide frei geworden und wir trennen die Seilschaft. Ab jetzt bin ich mit Emilio alleine unterwegs. An einigen besonders gefährlichen Stellen seilt mich Emilio in 60-Meter Schritten - der Seillänge, ab. Irgendwann erreichen auch wir die Kletterstelle und ich muss wieder auf die Beine. Emilio seilt mich ab, die Goretex-Hose zerfetzt es dabei. Dann kommt der knifflige Grat rüber zum El Castillo - ein Sturz wäre fatal. Ich bin müde und sehr unsicher und bewege mich entsprechend langsam. Dann die Traverse an der Felswand des El Castillo, diesmal bergab, was sie nicht leichter machte, wir bewegen uns im Schneckentempo. Nach ca. 4 Stunden Abstieg erreichen wir als Letzte das Hochlager auf 5.300 Meter Höhe. Alle andern haben sich schon ein wenig ausgeruht, es herrscht Aufbruchstimmung. Für mich gibt es keine Pause - ich packe alles zusammen - auch eine ziemliche Aktion bis Rucksack, Isomatte und alles andere auf Kleinstmaß komprimiert und im Rucksack verstaut ist - dann räume ich das Zelt. Zum Glück erklärt sich ein Guide bereit, meinen fast 20 Kilo schweren Rucksack nach unten zu tragen. Ich steige sehr langsam und vorsichtig ab. Matthias und Markus begleiten mich. Nach weiteren 3 Stunden haben auch wir die Carrel-Hütte erreicht, es ist 13.30 Uhr - also entsprechend die Gehzeit abzüglich der kurzen Pause beim Packen 13 Stunden - die härteste und gefährlichste Tour meines Lebens ist zuende.
Den Rest des Tages verbringen wir mit Ausruhen und Essen bei den Cruz-Hütten. Dann fallen wir wie tot in die Betten.

Tag 12:
Mit müden Beinen geht es zu den Tiermärkten von Guamote und weiter zum Mittagessen bei Don Marco und Ximena in deren Anwesen in Riobamba. Es gibt Drinks, Bier und ein 3-Gänge Menü. Eine riesen Ehre! Dann gehts zurück zu den Cruz-Hütten, wo erstmal das lästige Packen angesagt ist. Markus dreht die letzten O-Töne. Dann noch das Abendessen in den Cruz Hütten, es wird gesungen - Ekke hat 14 Strophen für "Auf der Schwäbsche Eisebahne" gedichtet, der Refrein lautet "... Summit Club Emilio - Marco Cruz Chimborazo" - großartig. Wir feiern, es fliessen etliche Bier und Don Marco gibt ein paar Schnäpse aus - ein fröhlicher Abschluss eines überwältigenden Abenteuers!

Tag 13: Abreise: Packen, Frühstück, Zeche zahlen und dann mit dem Bus ab nach Quito zum Flughafen. In Latacunga, der Heimatstadt Emilios, gibt noch der Bus den Geist auf, aber wir können schnell Ersatz finden. Dann geht es via Guayaguil und Amsterdam mit der KLM nach München, wo wir am Tag 14 Abends ankommen. Susanne und Marieann nehmen mich in Empfang, ich bin überglücklich, nach dieser extremen Herausforderung gesund zu Hause bei meiner Familie zu sein, es ist unser 17ter Hochzeitstag.

Wie ein Gelähmter einen 6310 m hohen Berg bezwingt

Von Jens Bierschwale | Veröffentlicht "Welt" am 17.02.2017

Paralympicssieger Michael Teuber hat den 6310 Meter hohen Chimborazo in Ecuador bestiegen – als erster Mensch mit einer Teilquerschnittslähmung. Der ewige Grenzgang ist Antrieb für den 49-Jährigen.

Minus 15 Grad. Dazu eisiger Wind. Als Michael Teuber den Gipfel erklimmen will, liegen noch knapp 1000 Höhenmeter vor ihm – und die beängstigende Frage: „Werde ich es wirklich schaffen?“ Gemessen an seiner Kleidung ist der 49-Jährige gut gerüstet für den Weg hinauf auf den Chimborazo. Lange Unterhose, Windstopperberghose, Unterhemd, Funktionspulli, dicke Jacke, darüber noch eine Schicht aus Goretex. Die Schuhe hat er während der vergangenen Stunden mit Thermopadsohlen zur Vorbeugung vor Erfrierungen an den Zehen geheizt. Jetzt, um Mitternacht, kann es losgehen.

Teuber legt Klettergurte und Steigeisen an, zieht zwei Paar Handschuhe übereinander und ist wild entschlossen, den letzten Teil dieser einmaligen Expedition zu meistern. Mit Helm und Stirnlampe am Kopf geht es los. In der einen Hand trägt Teuber einen Eispickel, in der anderen einen Wanderstock. Jeden seiner Schritte muss er prüfen, muss antizipieren, wohin er tritt, denn dort, wo andere die Standfestigkeit testen, spürt Teuber: nichts. Seit seinem 18. Lebensjahr ist er teilquerschnittsgelähmt. Unterhalb der Knie hat er keine Restfunktionen mehr.

Es ist schon ein kleines Wunder, dass er es überhaupt hier hinaufgeschafft hat, auf das Basislager in 5300 Metern Höhe. Es ist der elfte Tag in Ecuador und der achte auf dem Berg, den die Einheimischen auch „Eisiger Thron Gottes“ nennen.

13 Stunden liegen noch einmal vor Teuber und seinem Team, dessen anfängliche Zahl von 13 auf nur noch neun Unentwegte geschrumpft ist. Mit dabei sind auch Marco Cruz, 72, und Emilio Paez, 41, zwei Ecuadorianer, die den Chimborazo schon etliche Male bestiegen haben und wichtige Ratgeber für Teuber und die anderen Bergsteiger sind. Nach Cruz, der zum ersten Mal als 13-Jähriger ganz oben auf dem Gipfel war, ist sogar ein Gletscher des Chimborazos benannt, er ist eine Legende.

„Ich bin keiner, der Harakiri begeht“

Teuber bildet gemeinsam mit Kumpel Thilo Komma-Pöllath und Bergführer Paez eine Seilschaft, er muss das machen, um bei einem möglichen Fehltritt nicht abzustürzen. Später sagt er der „Welt“: „Ich bin keiner, der Harakiri begeht. Aber ich begreife mich als Grenzgänger, der Limits auslotet.“

Grenzgänger – für einen Teilquerschnittsgelähmten ist das eine mehr als ungewöhnliche Bezeichnung, für Teuber aber ist sie zum Lebensinhalt geworden. 30 Jahre lang lebt er schon mit seinem Handicap, lange wusste er nicht, ob er jemals dem Rollstuhl würde entfliehen können, und heute gilt er als bestes Beispiel für gelebte Inklusion. Fünfmal hat er bei den Paralympics Gold auf dem Rad gewonnen, aber einen 6300 Meter hohen Berg wie den Chimborazo hat auch er noch nie bestiegen. „Ich bin schon jemand, der sehr zielorientiert ist. Aber wenn vier Teammitglieder auf dem Weg nach oben umkehren, macht einem das schon zu schaffen“, erzählt er später. „Wenn an einer Kletterpassage schon die Gesunden verweigern, was soll dann ich sagen? Ich finde ja gar nicht richtig Halt mit den Füßen. Aber ich kann viele Dinge am Berg antizipieren, mich auf eventuelle Probleme vorbereiten.“

Derlei Fähigkeiten kommen Teuber auch auf dem letzten Teilstück zugute. Zunächst geht es über eine Traverse an einer Felsbastion, gefrorenes Geröll, Schnee und Eis wechseln sich als Untergrund ab. Dann folgt die Schlüsselstelle auf dem Weg zum Gipfel: rund sechs Meter Klettern im Schwierigkeitsgrad zwei bis drei. Teuber hat Probleme, schafft es aber mithilfe der Kollegen. Wie auch die nächste Herausforderung, einen Anstieg über den 45 Grad steilen Gletscher mit rund 700 Höhenmetern. Jeder Meter nach vorn bedeutet einen Meter nach oben. Und das alles mitten in der Nacht.

Für Teuber sind das alles nur Randerscheinungen. Der Mann aus Dietenhausen im Landkreis Dachau ist völlig fokussiert, er will hinauf, will das schaffen, was vor ihm noch keiner mit einem irreversiblen Teilquerschnitt geschafft hat. „Ich habe keine Zeit, da großartig auf die Natur zu achten oder die Aussicht zu genießen. Stattdessen schaue ich, dass die Steigeisen sauber greifen und ich den Fuß immer an die richtige Stelle setze. Mit den Wanderstöcken oder Eispickeln halte ich dann dagegen und habe so fast immer an drei Punkten Kontakt zum Berg. Das ist aber verdammt anstrengend“, erklärt er seine Klettertechnik.

„Näher kann man der Sonne nicht sein“

Kurz vor dem Gipfel aber gibt es Probleme. Kumpel Komma-Pöllath wankt, der Kameramann wankt, Teuber kann nur noch auf allen vieren krabbeln. Der erfahrene Bergführer Paez erkennt das Problem: „So kommen wir da nie hoch“, ruft er Teuber zu. „Du musst dich kraftsparender bewegen.“ Der Tipp fruchtet, in den Sonnenaufgang hinein nimmt das Expeditionsteam den Gipfelsturm vor. Nach siebeneinhalb Stunden ist Teuber am Ziel: „Näher kann man der Sonne und den Sternen auf unserem Planeten nicht sein“, wird er später in seinem Tagebuch festhalten.

Der nahe des Äquators gelegene Chimborazo ist auch deshalb einmalig, weil er vom Erdmittelpunkt aus gemessen der höchste Punkt der Erde ist, höher noch als der Mount Everest im Himalaja. Die Höhenangaben schwanken von 6268 bis 6310 Meter. Das Problem für Teuber: Der Abstieg ist für ihn mit seinem Handicap noch schwieriger zu bewältigen als der Aufstieg. „Einige Kletterstellen am Berg hätte ich allein nicht geschafft, die gingen nur mithilfe des Bergführers“, so Teuber. „Beim Runtergehen wäre ohne den Bergführer meine Überlebenschance 50:50 gewesen. Es ist immer extrem steil, man sieht fast immer nur in einen Abgrund. Da hätte ich ohne Absicherung leicht herunterstürzen können.“

Der Chimborazo ist die höchste Erhebung Ecuadors und gemessen vom Erdmittelpunkt sogar der höchste Berg der WeltDWO SP Ecuadorlocator mku jpg
Quelle: Infografik Die Welt

Es soll noch einmal fünfeinhalb Stunden dauern, ehe Teuber und sein Team das Lager auf 4850 Metern Höhe erreichen. „Die härteste und gefährlichste Tour meines Lebens ist zu Ende“, notiert Teuber in seinem Tagebuch. „Den Rest des Tages verbringen wir mit Ausruhen und Essen bei den Cruz-Hütten. Dann fallen wir wie tot in die Betten.“

Unfall auf dem Weg in den Surfurlaub

Um die Einmaligkeit seiner Leistung nachvollziehen zu können, muss man zurückgehen in den Sommer 1987: 1. August, ein Tag, der das Leben von Teuber komplett ändern soll. Zusammen mit seinem Freund Daniel und dessen Partnerin Susanne will der Gymnasiast noch einmal die Unbeschwertheit vor dem entscheidenden Abiturjahr genießen. Sechs Wochen Surfurlaub in Portugal sind geplant, in Guincho an der Atlantikküste will Teuber sein eigens entworfenes Brett ausprobieren. Es wird nie dazu kommen.

Das Trio ist auf der Landstraße D1089 unterwegs, als Fahrer Daniel um 13.31 Uhr kurz vor Tulle in den Sekundenschlaf fällt. Der weiße Golf GTI kommt von der Fahrbahn ab, rast in einen Graben und prallt mit rund 70 km/h auf ein Abflussrohr aus Beton – das einzige dort im Umkreis von 20 Kilometern. Während Daniel und Susanne den zerstörten Wagen aus eigener Kraft verlassen können, ist Teuber eingekeilt auf dem Beifahrersitz. Auch er will raus aus dem Golf, aber er kann nicht. Zum ersten Mal in seinem Leben spürt er, dass er seine Beine nicht mehr bewegen kann.

Wenn man in solch einer Situation überhaupt von Glück im Unglück sprechen kann, dann wohl nur deshalb, weil die Erstversorgung klappt. Ein Arzt, der auf dem Weg zur Arbeit zufällig am Unfallort vorbeikommt, erfasst sofort Teubers schwere Verletzung. Per Hubschrauber wird das Unfallopfer in die Universitätsklinik Limoges geflogen. Dort operiert ihn Chefarzt Dr. Szapiro acht Stunden lang, setzt eine Titanplatte an den verletzten Lendenwirbeln ein. Hinterher sagt er zu Teubers Mutter, die inzwischen im Krankenhaus eingetroffen ist: „Wir haben das Beste für Ihren Sohn getan.“

Die Diagnose ist dennoch schwerwiegend: Luxationsfraktur des zweiten und dritten Lendenwirbels, Knochensplitter im Rückenmark, Funktionsverlust der unteren Gliedmaßen, inkomplette Querschnittslähmung. Oder wie Teuber es in seiner Autobiografie mit dem Titel „Aus eigener Kraft“ beschreibt: „Durch den Bruch der Lendenwirbel und die Quetschung des Rückenmarks Lähmung von der Hüfte abwärts. Das Horrorszenario am Horizont: ein Leben im Rollstuhl.“

Teubers Kampf in ein neues Leben beginnt in Zimmer 416 auf der vierten Etage der neurologischen Station der Universitätsklinik Limoges. „Nach meinem Unfall habe ich eine Resilienz in mir entdeckt, die Fähigkeit, mit solchen Schicksalsschlägen umzugehen. Mir langfristig Ziele zu setzen, darauf hinzuarbeiten – das alles habe ich in den drei Jahren der Rehabilitation in mir entdeckt, sagt Teuber der „Welt“ im Rückblick. „Lange Zeit war gar nicht klar, dass ich jemals überhaupt wieder aus dem Rollstuhl herauskomme.“

Es ist seiner Willenskraft geschuldet, dass er es schafft, nach rund drei Jahren kann er tatsächlich ohne fremde Hilfe ein paar Schritte laufen. Für ihn sind es entscheidende Schritte auf dem Weg in sein neues Leben. „Ich bin ein Typ, der nicht groß zurückblickt, das ist meine Art, durchs Leben zu gehen. Das ist auch eine Botschaft für andere: In der Vergangenheit gefangen zu sein, das bringt einen nicht weiter.“

Fünfmal Paralympicssieger

Für Teuber ist das zu seinem Lebensmotto geworden, nicht hadern, das Handicap annehmen. Der Mann, der in Portugal 1987 surfen wollte, entdeckt seine Liebe zum Radsport und entwickelt sich zu einem der besten Fahrer weltweit. Gleich fünf Olympiasiege holt er zwischen 2004 und 2016. Allein im vergangenen Jahr hat er rund um seinen Triumph in Rio, wo er im Einzelzeitfahren auf der Straße siegte, 19.000 Trainingskilometer absolviert. Dann begann er mit der Vorbereitung auf die Bergtour. Um all diese Strapazen bewältigen zu können, benutzt Teuber unterhalb der Knie wahlweise Kunststoff- oder Karbonschienen zur Stabilisation.

Nach seiner Expedition in Ecuador gönnt sich der 49-Jährige jedoch keine Auszeit. Am Samstag schon steht ein Rad-Trainingslager auf Gran Canaria an. „Bei der WM im August will ich wieder um Gold mitfahren“, sagt Teuber. Und nach einer kurzen Pause: „Ich fahre lieber 160 Kilometer Rad, als dass ich mich einen ganzen Tag ins Büro setze.“

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